Liebe Brüder und Schwestern!
Wenn wir die Gestalt des Johannes von Nepomuk betrachten, erweisen wir nicht bloß einer historischen Person unsere Verehrung, sondern stehen vor einem Geschehen, in dem Wahrheit und Macht, Gewissen und politischer Zwang in dramatischer Weise aufeinanderprallen. Gerade deshalb ist seine Gestalt kein in die Vergangenheit eingeschlossenes Relikt, sondern eine Frage an die Gegenwart: Wie soll der Christ in einem Umfeld leben, in dem seine Treue zur Wahrheit ihn das Leben kosten kann?
Die Geschichte bezeugt, dass dies keine einmalige Situation ist. Denken wir an Thomas More, der als Lordkanzler von England an der Spitze der Staatsmacht stand und dennoch lieber den Tod wählte, als gegen sein Gewissen zu handeln. Oder an Thomas Becket, der gegenüber der königlichen Macht die Freiheit der Kirche verteidigte und dafür zum Märtyrer wurde. In diese Reihe gehört auch Stanislaus von Krakau, der von einem Herrscher wegen der Verkündigung der Wahrheit getötet wurde, sowie Adalbert von Prag, der in der Verkündigung des Evangeliums keinen Kompromiss zuließ. Und aus der neueren Zeit Óscar Romero, der inmitten politischer Gewalt die Stimme der Wahrheit blieb. Sie alle lebten in unterschiedlichen historischen Situationen, doch ein und dasselbe innere Gesetz leitete sie: Die Wahrheit ist nicht verhandelbar. Diese Wahrheit aber ist kein Prinzip, keine Ideologie, nicht der bloße Gehalt von Informationen, sondern eine Person: Jesus Christus.
Hier gelangen wir zu jener tiefen biblischen Botschaft, die unsere Sichtweise begründet. Sie erschließt sich im dramatischen Abschnitt des Buches der Weisheit. Wenn wir diesen Abschnitt betrachten, geraten wir in eine eigentümliche innere Bewegung: Der Text teilt nicht nur etwas mit, sondern führt uns gleichsam in das Ereignis der endgültigen Offenbarung der Wahrheit hinein. Dieses Ereignis – und das ist besonders zu betonen – ist nicht nur ein zukünftiges Gericht, sondern beginnt bereits jetzt. Der Gerechte steht „mit großer Zuversicht“, weil er sich nicht auf sich selbst stützt, sondern auf die Wahrheit, in der er verwurzelt ist.
Das Leben des Johannes von Nepomuk ist eine konkrete Verkörperung dieser Wahrheit. Er war nicht einfach ein Priester, sondern Jurist, Hüter der kirchlichen Ordnung, ein Amtsträger, der im heutigen Verständnis eine Funktion innehatte, die man mit der eines heutigen Staatssekretärs vergleichen könnte. Er wusste, was die Ausübung von Macht bedeutet, kannte die politischen Spiele – und gerade deshalb sah er klar die Grenze: Die Grenze von Wahrheit und Gewissen darf niemand überschreiten, nicht einmal der König.
Die historischen Ereignisse – der Konflikt zwischen König Wenzel IV. und dem Erzbischof, die Angelegenheit der Abtei Kladruby, der Versuch des Machtmissbrauchs – sind nur die äußeren Manifestationen eines tieferen Dramas. Denn die Frage ist letztlich nicht politisch, sondern theologisch: Wer ist Herr über das Gewissen des Menschen? Der Staat? Die Ideologie? Oder Gott?
In dieser Frage zeigt sich die „parrhesia“, der heilige Freimut. Er ist keine psychologische Stärke, sondern ein ontologischer Zustand. Johannes von Nepomuk war nicht deshalb mutig, weil er keine Angst hatte, sondern weil er in der Wahrheit gegründet war. Deshalb konnte er schweigen. Dieses Schweigen – das „TACUI“ – ist keine Feigheit, sondern das tiefste Zeugnis: Die Bekundung, dass es eine Grenze gibt, jenseits derer der Mensch nicht sprechen kann, weil das, worum es geht, nicht mehr ihm gehört, sondern Gott.
Hier wird das Paradox des Buches der Weisheit besonders deutlich: Was die Welt für sinnlos hält, ist in Wahrheit der Weg des Heils. Folter, Erniedrigung, Tod – von außen betrachtet sind sie eine Niederlage. Doch von innen, im Licht der Wahrheit, sind sie der Weg des Sieges. „Der, den wir einst verachtet haben, steht nun in großer Zuversicht…“ – dieses Stehen hat bereits jetzt seinen Anfang in jeder Entscheidung, in der der Mensch die Wahrheit dem Kompromiss vorzieht.
Der innere Monolog der Gottlosen – „wir hielten es für Torheit“ – erklingt auch heute. Der Christ wird noch immer für naiv, irrational oder gar gefährlich gehalten. Doch dies ist eine Verzerrung der Wahrnehmung. Eine der tiefsten Formen der Sünde ist nicht die böse Tat, sondern die Verzerrung des Sehens: wenn der Mensch die Wahrheit nicht mehr als Wahrheit erkennt.
Die Folge davon ist die „Bedrängnis der Seele“ – jener innere Zustand, in dem der Mensch der Wahrheit nicht mehr entfliehen kann. Deshalb ist die Stunde der Entscheidung so entscheidend. Denn die späte Erkenntnis, die nicht mehr verwandelt, ist tragisch.
Wenn wir über das Schweigen des Heiligen Johannes von Nepomuk und seine Standhaftigkeit in der Wahrheit sprechen, dürfen wir auch das Schicksal unserer eigenen Gemeinschaft, der Ungarndeutschen, der Schwaben, nicht außer Acht lassen. Denn das Märtyrertum des Heiligen und der Leidensweg unserer Vorfahren entspringen derselben Wurzel: In beiden geht es um die Treue in einer Welt, die die Untreue belohnte.
Für unsere Ahnen war der Glaube keine abstrakte Idee, sondern das Gewebe des Lebens selbst. Das Gottvertrauen war kein Sonntagsgewand, das man an Werktagen ablegte, sondern der Grundstein für Ordnung, die Würde der Arbeit und die gemeinschaftliche Disziplin. Als man in den Jahrzehnten des Zwangs und der Unterdrückungsideologie systematisch versuchte, die Religion aus dem Herzen dieser Gemeinschaft zu reißen, nahm man ihr nicht nur einen Ritus, sondern die Identität selbst. Man schnitt den Menschen von seinen Wurzeln ab, in der Hoffnung, der Baum würde auf diese Weise verdorren.
Heute sehen wir, dass die wiedergewonnene Freiheit allein diese Wunden nicht automatisch geheilt hat. Die alte schwäbische Identität scheint zu verblassen, die Kirchenbänke leeren sich, und die Stimme des Glaubens ist im Lärm der modernen Welt leiser geworden. Doch hören wir den Mahnruf: Unsere Vorfahren sind ihrem Glauben trotz aller Widrigkeiten nicht deshalb treu geblieben, damit wir ihn nun in unserer Freiheit vergessen!
Dieses Erwachen ruht auf vier Säulen, durch die wir auch heute heimfinden können:
Erstens: Die Wurzel ist kein Museum, sondern eine Kraftquelle. Die schwäbische Identität ist nicht bloß eine Tracht tief im Schrank oder eine einmal im Jahr hervorgeholte Harmonika. Sie ist eine Lebenseinstellung: die Liebe zum Boden, das Gewicht des gesprochenen Wortes und die Freude am Schaffen. Bewahren wir sie nicht, weil sie „alt“ ist, sondern weil sie uns Halt in den Stürmen des 21. Jahrhunderts gibt. Wer nicht weiß, woher er kommt, den wirft jeder beliebige Wind um.
Zweitens: Der Glaube ist der Kompass im Lärm. Der Kirchturm ist nicht nur ein Gebäude mitten im Dorf, sondern ein Signalfeuer und ein Leuchtturm. Mit der Abkehr von der Religion sind wir nicht freier, sondern einsamer geworden. Den Glauben wiederzufinden bedeutet nicht das Auswendiglernen von Dogmen, sondern die Rückkehr zu jenem Vertrauen, dass das Leben ein Ziel hat und wir in unseren Kämpfen nicht allein sind.
Drittens: Die Gemeinschaft ist das Gegenmittel zur Einsamkeit. Der moderne Mensch ist vor den Bildschirmen einsam. Die Kraft der schwäbischen Gemeinschaften lag in der Solidarität: „ein füreinander verantwortliches Leben“. Wecken wir in uns das Verlangen nach echten Begegnungen! Seien wir nicht nur Konsumenten unserer Heimat, sondern ihre Gestalter.
Viertens: Die Zukunft bist du. Tradition ist nicht das Bewahren der Asche, sondern die Weitergabe des Feuers. Wenn wir unseren Kindern nicht von der Standhaftigkeit unserer Urväter erzählen, wenn wir nicht für einen Moment zum Gebet innehalten, dann reißt diese Kette mit uns ab. Seien wir nicht das letzte Glied in der Kette, sondern jene, die die Glocke aufs Neue läuten!
Das Schweigen des Heiligen Johannes von Nepomuk und die erzwungene Stille unserer schwäbischen Vorfahren werden heute zu einem gemeinsamen Aufschrei: Glaube und Identität sind keine Verhandlungssache.
Was bedeutet all dies für den Christen heute? Was bedeuten die fünf Sterne des Johannes von Nepomuk für uns?
Erstens: Das Gewissen ist nicht ein Produkt der Macht, sondern die Stimme Gottes im Menschen. Daher kann es auch unter politischem Druck nicht relativiert werden.
Zweitens: Der Christ sucht den Konflikt nicht, aber er flieht auch nicht vor ihm, wenn die Wahrheit in Gefahr ist.
Drittens: Das Zeugnis nimmt nicht immer die Form des Wortes an – manchmal gerade die des Schweigens. Doch dieses Schweigen ist nur dann glaubwürdig, wenn es aus der Wahrheit hervorgeht.
Viertens: Das Leiden ist kein Selbstzweck, aber wenn wir es um der Wahrheit willen auf uns nehmen, wird es Teilhabe am Kreuz Christi.
Und schließlich: Der Sieg der Wahrheit ist nicht immer sofort sichtbar – aber gewiss. Denn „die Wahrheit bleibt nicht verborgen, sondern zeigt sich schließlich im eigenen Licht“.
Die fünf Sterne des Johannes von Nepomuk – die über der Moldau leuchteten – sind Zeichen dieses Lichtes. Darum ist auch die Tradition, Kerzen auf dem Fluss treiben zu lassen, für uns so bedeutsam. Was sagt sie uns? Vergiss nicht, woher du kommst; vergiss nicht, wohin du gehst; und vergiss nicht, dass für die Wahrheit zu leben und zu sterben keine Niederlage ist, sondern der Eintritt in das „Erbteil“, in die Herrlichkeit der Kinder Gottes.
Letztlich geht es also nicht darum, was die Welt mit uns tun kann, sondern darum, in welcher Perspektive wir leben: in der des Scheins oder in der Perspektive, die von der Wahrheit bestimmt ist. Denn der Gerechte „steht“ schon jetzt – dort, wo sein Leben in der Wahrheit Gottes verwurzelt ist. Amen.
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